
„Es gilt das gesprochene Wort.“
Sehr geehrter Herr Premierminister De Croo,
Sehr geehrter Herr Großrabbiner Guigui,
Sehr geehrter Herr Präsident Markiewicz,
Sehr geehrter Herr Botschafter Regev,
Sehr geehrte Frau Botschafterin Rosenzweig-Abu,
Sehr geehrte Familien der Opfer,
Und sehr geehrte Familien der Geiseln,
Sehr geehrte Exzellenzen,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Freunde,
ich danke Ihnen, Herr Großrabbiner, dass Sie an den hohen Feiertagen die Türen der Synagoge für diese Gedenkfeier geöffnet haben. Bei der Vorbereitung dieser Rede stieß ich auf ein besonderes Rosch ha-Schana-Gedicht. Ich finde, es wird dem besonderen Charakter der heutigen Gedenkfeier auf eindrucksvolle Weise gerecht. Es lautet: „Möge das alte Jahr mit seinen Flüchen enden. Möge das neue Jahr mit dem ihm innewohnenden Guten und Schönen beginnen.“ Wenn Sie es mir also gestatten, möchte ich mich diesem tiefbewegenden Neujahrswunsch anschließen. Denn das hinter uns liegende Jahr war eine Tragödie.
Nur wenige Tage nach dem 7. Oktober reiste ich nach Israel, um nach dem abscheulichsten Angriff auf Juden seit der Schoah Solidarität und Unterstützung zu zeigen. Ich war im Kibbuz Kfar Azza, wo dieses Jahr der Tragödie seinen Anfang nahm. Ich habe die niedergebrannten Häuser gesehen; die Einschusslöcher in den Wänden. Ich habe einen Babysitz gesehen, der mit Blut bedeckt war. Es herrschte absolute Stille, aber es erschien mir, dass die Steine und Bäume angesichts des Grauens immer noch schrien. Kfar Azza war früher ein lebhafter Kibbuz mit 750 Einwohnern. Terroristen der Hamas haben ihn zu einer Geisterstadt gemacht, was er auch heute noch ist. Sie ermordeten kaltblütig mehr als 1 100 Menschen. Hunderte wurden entführt – Frauen, Kinder, Holocaust-Überlebende. Und zwar aus einem Grund und nur aus diesem einen Grund: Terroristen der Hamas haben sie getötet oder entführt, weil sie Juden waren, weil sie im Staat Israel lebten. Heute trauern wir um diese unschuldigen Opfer. Und wir ehren ihr Andenken. Möge ihr Andenken segensreich sein.
Unsere Gedanken sind bei all jenen, für die die Zeit am 7. Oktober zum Stillstand kam. Bei den 101 Geiseln, die immer noch von der Hamas in Gefangenschaft gehalten werden. Und bei den Familien, die mit Angst auf die Rückkehr ihrer Angehörigen warten. Unsere Gedanken sind bei allen unschuldigen Opfern der tragischen Kette von Ereignissen, die von der Terrorgruppe Hamas am 7. Oktober losgetreten wurde. Denn alle Zivilisten müssen geschützt werden. Es ist an der Zeit, dass das Blutvergießen endet. Es ist an der Zeit, den gefährlichen Kreislauf von Angriffen und Vergeltungsmaßnahmen mittels Deeskalation in der gesamten Region zu durchbrechen. Möge zu Beginn dieses neuen Jahres die Gewalt endlich enden. Auf dass die Geiseln endlich nach Hause kommen mögen. Und mögen endlich Frieden und Sicherheit für die Menschen in Israel, Gaza und Libanon gleichermaßen einkehren.
Liebe Freunde,
ich weiß, dass dieser Anlass für viele von Ihnen mit persönlicher Betroffenheit verbunden ist. Auch weil Sie womöglich selbst unmittelbar unter der alarmierenden Zunahme von Antisemitismus in Europa leiden. Synagogen wurden geschändet. Menschen wurden allein wegen des Tragens einer Kippa angegriffen. Studierende konnten nicht zur Universität gehen, weil sie sich nicht sicher fühlten. Hassgesänge gegen Juden waren plötzlich in Europas Straßen zu hören. Dies ist – mit einem Wort – inakzeptabel. Und es gibt dafür keinerlei Rechtfertigung. Kein Krieg und kein politisches Argument kann als Entschuldigung für Antisemitismus dienen. Damit das sehr klar ist: Antisemitismus stellt eine Bedrohung für unsere Demokratie dar. Antisemitismus ist ein Krebsgeschwür, das die Grundlagen unserer Europäischen Union infrage stellt. Und das dürfen wir niemals zulassen.
Im vergangenen Jahr haben wir unsere Bemühungen zum Schutz der Juden und des jüdischen Lebens in Europa intensiviert. Wir haben die Mittel für die Sicherheit an jüdischen Schulen und Synagogen aufgestockt. Wir sind gegen Social-Media-Plattformen vorgegangen, die Hass im Internet sich ausbreiten ließen. Und wir bauen ein Netzwerk in ganz Europa auf, um antisemitische Inhalte in allen europäischen Sprachen rasch zu identifizieren. Ich weiß, dass noch viel mehr zu tun ist. Unser Ziel ist jedoch klar: Jüdisches Leben in Europa muss gedeihen können und darf sich nicht verstecken müssen. Und ich werde keine Mühe scheuen, um dafür zu sorgen, dass Juden hier, in Europa, in Frieden leben und sich entfalten können. Das ist nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch eine Voraussetzung für das Europa, das wir kennen und lieben. Deshalb werde ich noch mehr Mittel für dieses Ziel bereitstellen.
Die Geschichte Europas ist die Geschichte der europäischen Juden. Und die Zukunft Europas muss auch Ihre Zukunft sein. Das ist mein größter Wunsch für das neue Jahr. Es ist dies ein Augenblick, um über die Vergangenheit nachzudenken und um unsere Verstorbenen zu trauern. Aber es ist auch ein Augenblick der Hoffnung. Möge das neue Jahr uns allen Frieden bringen und die sichere Rückkehr aller Geiseln nach Hause ermöglichen.
Ihnen allen vielen Dank und Schana Tova.
Einzelheiten
- Datum der Veröffentlichung
- 7. Oktober 2024
- Autor
- Vertretung in Luxembourg