„Es gilt das gesprochene Wort“
Guten Morgen,
ich bin glückliche Großmutter von vier wundervollen Enkelkindern. Sie alle wurden in diesem Jahrzehnt geboren. Mitte des Jahrhunderts könnten sie bereits eigene Familien haben. Die Chancen stehen gut, dass sie auch noch den Anbruch des nächsten Jahrhunderts erleben. Wenn ich sie anschaue, dann habe ich die Zukunft vor Augen. Und ich kann Ihnen sagen – es ist eine sehr laute Zukunft. Sie sind laut. Sie sind unglaublich aktiv. Sie sind süß, und sie brauchen ständige Aufmerksamkeit. Wie alle Großmütter – und Großväter – will ich das Beste für sie. Aber uns allen ist klar, die Welt, in die sie hineingeboren wurden, ist in keinem guten Zustand. Sie erwärmt sich in einem besorgniserregenden Tempo. Stellen wir uns kurz die Welt von 2050 vor, wenn die Kinder von heute junge Erwachsene sein werden.
2050 könnte das schöne München eine deutlich andere Stadt sein. Stellen Sie sich vor, wie es ist, den gesamten Sommer bei mehr als 35 Grad zu verbringen. Und stellen Sie sich vor, Sie erklimmen den „Alten Peter“, um einen der besten Ausblicke der ganzen Stadt zu genießen. An einem klaren Tag werden Sie auch künftig die Gipfel der Stubaier und der Zillertaler Alpen sehen können. Aber keine Gletscher mehr. Sie sind dann nur noch eine Erinnerung aus längst vergangenen Zeiten. Die Welt von 2050 – also in nur 25 Jahren – könnte eine Welt sein, wo es auf der einen Seite nicht selten zu Überflutungen kommt und zugleich der Wasserverbrauch rationiert wird. Eine Welt, in der ein Drittel aller Arten ausgerottet ist. Es könnte sein, dass meine Enkel in Sommernächten nicht mehr das Zirpen von Grillen hören. Stattdessen könnten sie neuen Krankheiten ausgesetzt sein, die von invasiven Stechmücken auf unseren Kontinent eingeschleppt wurden.
Angesichts solcher Zukunftsaussichten ist es klar, dass junge Menschen wütend sind. Und natürlich fordern sie, dass sich die Dinge ändern. Weil es noch nicht zu spät ist, eine andere Zukunft zu gestalten – für sie. Das wird nicht leicht. Aber wir wissen, was zu tun ist. Wir müssen den Pionieren neuer Technologien und Lösungen folgen. Und wir müssen entschlossen in den menschlichen Erfindungsreichtum investieren. Wir müssen das Alte hinter uns lassen und das Neue ausprobieren.
Das ist die größte Herausforderung. Veränderungen können Angst machen. Es ist anstrengend, alte Gewohnheiten aufzugeben. Und es braucht Mut, sich ins Unbekannte vorzuwagen. Deshalb ist Ihre Arbeit so wichtig. Hier bei der DLD zeigen Sie, dass eine andere Zukunft nicht nur möglich ist. Sie hat schon begonnen, und sie ist spannend. Hören wir uns Ihre unglaublichen Geschichten doch mal genau an: Sie denken unsere Beziehung zu unserem Planeten ganz neu. Einige von Ihnen entwickeln abfallfreie Wohnviertel. Andere transformieren unsere Art zu reisen und Dinge zu transportieren. Andere wiederum nutzen künstliche Intelligenz, um den Tieren zuzuhören und von ihnen etwas über den Zustand der Ökosysteme zu lernen. Im Grunde verwandeln Sie Zukunftsängste in Antizipation. Sie zeigen uns, dass Veränderung aufregend sein kann. Ihre Geschichten machen aus unserer Zukunft eine Zukunft voller Kreativität, Wissbegier und Zuversicht. Das ist von unschätzbarem Wert. Denn es sind genau solche Geschichten, die uns Hoffnung schenken und uns das Zutrauen vermitteln, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen können.
Der Weg dorthin ist kurvenreich und holprig. Die gute Nachricht ist jedoch, dass wir nicht bei Null anfangen. In den vergangenen fünf Jahren hat Europa einen Riesenschritt in Richtung Zukunft gemacht. Es ist uns vielleicht nicht immer bewusst, aber wir sind schon jetzt mittendrin. Im vergangenen Jahr waren 82% der neu zugelassenen Autos in Norwegen Elektrofahrzeuge. Und schauen Sie nur auf die Bildschirme Ihrer Smartphones oder die Beleuchtung dieser Bühne: 50% des Stroms, den wir heutzutage verbrauchen, stammt aus erneuerbaren Quellen. Vor fünf Jahren war das noch undenkbar. Und doch haben wir es geschafft. Als Russland die Ukraine überfallen hat und wir beschlossen haben, uns von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland zu befreien, hat manch einer prophezeit, dass wir einen Rückschritt ins Kohlezeitalter machen müssten. Aber nein – das ist nicht passiert. Weil wir den Übergang gesteuert haben. Wir haben dafür gesorgt, dass Europa Fortschritte macht, keine Rückschritte. Und heute produzieren wir mehr Strom aus Wind und Sonne als aus allen fossilen Brennstoffen zusammen. Die Ära, als fossile Brennstoffe aus Russland in Europa vorherrschend waren, ist ein für alle Mal vorbei.
All das war möglich, weil sich ein ganzer Kontinent zusammengetan und ein gemeinsames Ziel verfolgt hat. Wir haben nicht nur unsere Politik, sondern auch unsere Denkweise geändert. In den kommenden Jahren müssen wir einen ähnlichen Wandel auch auf anderen Feldern, weit über den Energiesektor hinaus, schaffen. Wir müssen die Beziehung zwischen unserer Wirtschaft und der Natur grundlegend neu denken. Wir sind alle mit der Vorstellung groß geworden, dass die Natur unbezahlbar ist. Mit Vogelgesang aufwachen, Wasser aus einer Gebirgsquelle trinken, das endlose Blau des Meeres bewundern. Wie könnte man auf irgendetwas davon ein Preisschild kleben? Nun – wir kleben der Natur tagtäglich Preisschilder auf, in jeder Sekunde. Aber nur, indem wir Ressourcen aus ihrer natürlichen Umgebung herausholen. Sie können reich werden, indem Sie dem Erdboden fossile Brennstoffe entnehmen, aber Sie werden sicherlich nicht reich, wenn Sie Kohlenstoff wieder in den Boden zurückführen. Sie können gutes Geld verdienen, indem Sie einen Wald abholzen, aber nicht, indem Sie einen neuen pflanzen und altern lassen. Unsere Landwirte erzielen höhere Gewinne, wenn sie mehr Land nutzen und es so intensiv wie möglich bewirtschaften, als wenn sie Land brachliegen lassen, auf dem Wildpflanzen blühen und Vögel brüten können. Seit Generationen belohnt die Menschheit nur das Ausplündern unserer natürlichen Umwelt. Und heute sehen wir, wie grundlegend falsch das ist. Es ist vom moralischen Standpunkt her falsch. Aber auch vom wirtschaftlichen.
Heute ist klar, dass der Druck auf die Natur einen Kipppunkt erreicht hat. Professor Johan Rockström wird uns in seinem Vortrag umfassend über planetare Grenzen aufklären. Der Kombieffekt aus Klimawandel und Naturzerstörung hat verheerende Folgen. Die landwirtschaftlichen Erträge sinken aufgrund der Degradation der Böden und fehlender Insekten. Die Netze der Fischer bleiben leer, weil Düngemittel von den Feldern das Leben im Wasser ersticken. Wasserkraftwerke und Atomkraftwerke werden durch Dürren stillgelegt. Der Handel entlang unserer Wasserstraßen gerät ins Stocken, weil die Flüsse trockenfallen. Es gibt ein klares wirtschaftliches Argument für die Erhaltung und Wiederherstellung der Natur.
Und Unternehmen in ganz Europa verstehen das sehr gut. Ich möchte Sie für einen Moment an die Küste Spaniens mitnehmen, in die Nähe des Ebro-Deltas. In eine Grube, wo Ton für die Zementherstellung abgebaut wird. Bis vor kurzem war dies eine zerstörte, dem Tierleben feindliche Umwelt. Der Boden war zu hart und zu trocken, um Wasser zu halten. Der Regen spülte nur den Schmutz weg und verunreinigte Flüsse und Felder. Und bei Starkregen wurde die nahe gelegene Autobahn mit schlammigem Wasser überflutet. Aber jetzt hat das Unternehmen zusammen mit der Universität von Barcelona und mit Geldern der Europäischen Union den Standort komplett umgestaltet. Die erschöpften Hänge wurden der Natur zurückgegeben. Es gibt jetzt einen See, umgeben von Pflanzen und voller Leben. Und der gesündere Boden schützt die umliegenden Gebiete vor Dürren und Überschwemmungen. Und bei all dem ist zugleich dafür gesorgt, dass die Wirtschaftsleistung erhalten bleibt, und es entstehen neue Arbeitsplätze. Es ist eine Win-Win-Situation für Natur und Wirtschaft.
Es gibt ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass intakte Natur einen wirtschaftlichen Wert hat. Jemand von Ihnen hat es brillant in die Worte gefasst, wir müssten „die Natur in die Bilanz einbringen“. Und das passiert jetzt langsam. Die Natur taucht in den Businessplänen unserer Unternehmen auf. Eine niederländische Versicherung bietet beispielsweise Kunden, die ihr Dach begrünen, Rabatte an. Warum? Weil das Haus und die ganze Nachbarschaft dadurch sicherer werden. Starkregen wird abgeführt und das Dach hält länger. Das ist nicht nur gut für Vögel und Bienen, sondern erspart der Versicherung auch künftige Kosten. Das zeigt: Ein anderer Ansatz ist möglich. Der den Weg zu einer Wirtschaft weist, die den Menschen dazu bewegt, der Natur zu dienen. Damit die Natur uns allen dienen kann.
Damit diese neue Form des Wirtschaftens wachsen und gedeihen kann, müssen wir auch politisch unseren Teil dazu beitragen. In den zurückliegenden fünf Jahren haben wir unsere Klimaziele in ein umfassendes Paket gesetzlicher Vorschriften mit klaren Regeln gegossen. Doch wir müssen nicht nur diese Vorschriften umsetzen, sondern auch Anreize für diejenigen schaffen, die noch einen Schritt weitergehen. Für den, der über das hinaus will, was ohnehin vorgeschrieben ist, muss es Belohnungen geben. Denn der Schutz unserer Natur muss sich auch wirtschaftlich rechnen. Und das kann gelingen. Ich möchte Ihnen zwei Beispiele dafür geben. Im ersten Beispiel geht es um Landwirtinnen und Landwirte und ländliche Gemeinschaften, die in besonders enger Verbindung mit der Natur leben. Im zweiten Beispiel geht es um Kohlenstoff- und Naturgutschriften.
Über die Zukunft der Landwirtschaft in Europa hat es oft hitzige Debatten gegeben. Die Interessen der Landwirte schienen unvereinbar mit den Interessen des Naturschutzes. Doch die Natur bildet die Lebensgrundlage der Landwirte. Ihr gesamtes Leben hängt von gesunden Böden, sauberem Wasser und einer funktionierenden Bestäubung ab. Die Landwirte wissen das besser als irgendjemand sonst. Im letzten Jahr haben wir einen Runden Tisch ins Leben gerufen, mit Landwirten und Umweltverbänden, der Lebensmittelindustrie und Verbraucherorganisationen, dem Finanzsektor und der Wissenschaft. Kurz: mit den Interessenträgern. Unter der Überschrift „Strategischer Dialog über die Zukunft der Landwirtschaft in Europa“. Dabei wurde deutlich, dass es sehr viel mehr Gemeinsamkeiten gibt, als wir alle gedacht hätten. So gehören die Landwirte zum Beispiel zu den ersten Leidtragenden des Klimawandels und des Verlusts an natürlichen Ressourcen. Gleichzeitig können die landwirtschaftlichen Strukturen und Praktiken diese Krisen befeuern. Deshalb ist Nachhaltigkeit ein extrem wichtiger Aspekt, um Landwirtschaft im Einklang mit der Natur zu betreiben.
Wir wissen, dass ein effizientes System aus Belohnungen und Anreizen zum Ziel führen kann. Nur wenn die Landwirte von ihrem Land leben können, werden sie in nachhaltigere Bewirtschaftungsverfahren investieren. Und nur, wenn wir gemeinsam unsere Klima- und Umweltziele erreichen, werden Landwirte auch künftig ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können. Wir brauchen neue Finanzierungsinstrumente, um Landwirte für die mit nachhaltiger Bewirtschaftung verbundenen zusätzlichen Kosten zu entschädigen und ihnen einen Ausgleich dafür zu gewähren, dass sie sich um Boden, Wasser und Luft kümmern. Es ist an der Zeit, diejenigen zu belohnen, die unseren Planeten schützen.
Und das bringt mich zu meinem zweiten Punkt, den Naturgutschriften. Sie wissen, wie dieses System funktionieren könnte. Nehmen wir einen Wasserversorger, für den sauberes Quellwasser entscheidend ist. Oder ein Unternehmen, das Obst verkauft und auf das fundamentale Wirken von Bestäubern angewiesen ist. Sie könnten Naturgutschriften dazu nutzen, örtliche Gemeinschaften und Landwirte zu unterstützen, die „Ökosystemleistungen“ erbringen. Wir können einen Markt für die Wiederherstellung unseres Planeten schaffen. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Aber wir wissen, dass es funktionieren kann, wenn wir die richtigen Vorgaben machen. Denn es ist uns schon einmal gelungen. Hier in Europa haben wir bereits einen unglaublich wirksamen CO2-Markt. Er funktioniert seit fast 20 Jahren. Die Treibhausgasemissionen sind um beinahe 50% zurückgegangen, während unsere Wirtschaft gewachsen ist. Gleichzeitig erwirkte die CO2-Bepreisung Einnahmen von 180 Milliarden EUR, die in Klimaprojekte und Innovationen reinvestiert wurden.
Genauso sollten wir nun auch bei den Naturgutschriften vorgehen. Wir müssen all jenen, die Ökosystemleistungen erbringen, wichtige Einnahmen zukommen lassen. Bei den Vereinten Nationen und anderswo wird bereits an einer globalen Norm für Naturgutschriften gearbeitet. Das ist ein wichtiger erster Schritt, um diesen aufstrebenden Markt auszubauen. Und mit den Mitgliedstaaten arbeiten wir intensiv daran, die ersten Pilotprojekte zur Unterstützung dieses Prozesses auf den Weg zu bringen. Wir wollen, dass die Dekarbonisierung zu Wachstum und Innovation führt. Eine wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft, die der Natur mehr zurückgibt, als sie ihr nimmt.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
seit meiner Kindheit sind 70% der wild lebenden Arten ausgestorben. In meiner Lebenszeit ist die Welt durch menschliches Einwirken aus dem Gleichgewicht geraten. Aber in der Lebenszeit meiner Enkel kann dieses Gleichgewicht wiederhergestellt werden und kann sich die Natur wieder erholen. So ist die Geschichte der Menschheit. Nach jeder Krise ist eine Erholung möglich. Das ist kein Selbstläufer, doch wenn wir mit Innovationsgeist und konstruktiven Lösungsansätzen an die Sache herangehen, kann es gelingen. Die Kinder von heute würden es uns nie verzeihen, wenn wir uns der Herausforderung nicht stellten.
Danke Ihnen allen, und lang lebe Europa.
Einzelheiten
- Datum der Veröffentlichung
- 13. September 2024
- Autor
- Vertretung in Luxembourg